Bericht über die Spieleabende in der Neumatt

Würfel raus, Karten auf den Tisch – und der Alltag darf kurz Pause machen

Spielen? Das ist doch etwas für Kinder. Wer das denkt, hat vermutlich schon länger nicht erlebt, wie spannend ein Würfelwurf sein kann, wie dramatisch die letzte UNO-Karte auf den Tisch geknallt wird – oder wie man bei Skyjo plötzlich feststellt, dass man die ganze Zeit ziemlich katastrophal gespielt hat.

Dabei ist Spielen viel mehr als nur Zeitvertreib. Der Schweizer Spielpädagoge Hans Fluri ist überzeugt: Spielen gehört zum Menschsein – ein Leben lang. Seine zugespitzte Aussage: «Wer nicht mehr spielt, ist quasi tot». Etwas dramatisch vielleicht. Aber wer schon einmal erlebt hat, wie ein eigentlich völlig vernünftiger Erwachsener wegen einer verlorenen Runde plötzlich hochkonzentriert auf den Würfel starrt, ahnt, dass da etwas dran sein könnte.

Beim Spielen passiert nämlich etwas Wunderbares: Menschen kommen zusammen. Jung und älter, Kinder und Erwachsene, Menschen mit unterschiedlichen Geschichten und Hintergründen. Man muss sich nicht zuerst kennenlernen oder grosse Gemeinsamkeiten finden. Man spielt einfach miteinander. Und plötzlich ist man mittendrin.

Und welcher Ort könnte sich dafür besser eignen als der Vorplatz des Begegnungszentrums Neumatt in Burgdorf?

Die Idee entstand Anfang 2025, als sich zwei Spielverrückte aus dem Tiergartenquartier beim Neumattteam meldeten: Gemeinsam spielen, essen, lachen und einfach eine gute Zeit haben. Gesagt, getan – die Spielabende waren geboren.

Am 8. August 2026 fand bereits der dritte Spielabend dieses Jahres statt. Obwohl der Vorplatz eher die Temperaturen eines kleinen Backofens erreichte, liess sich niemand abschrecken.

Tische wurden aufgestellt, Spiele ausgebreitet, der Grill angeworfen und das Potluck-Buffet eröffnet. Der Holzfeuerwagen musste diesmal zwar zu Hause bleiben, dafür war unsere Eisdiele im Einsatz. Denn bei diesen Temperaturen war Eis nicht einfach Dessert. Eis war Überlebensstrategie.

Dann ging es los: UNO, Skyjo und Spiele mit Anleitungen, die aussahen, als würden sie mindestens 47 Seiten und ein abgeschlossenes Studium voraussetzen. Während die Würste brutzelten, wurden Karten ausgeteilt, Regeln erklärt – und gelegentlich sehr kreativ interpretiert. Es wurde gespielt, gelacht, diskutiert und vielleicht auch ein wenig zu ehrgeizig um den Sieg gekämpft.

Und genau darin liegt die Schönheit solcher Abende: eine Pause vom Funktionieren.

Im Alltag müssen wir produktiv sein, Termine einhalten und Aufgaben abhaken. Beim Spielen darf man danebenliegen, falsche Entscheidungen treffen und verlieren. Sogar mehrfach. Und das Schönste: Danach beginnt einfach eine neue Runde.

Hans Fluri nennt Spielen deshalb keine verlorene, sondern «gewonnene Zeit». Und vielleicht hat er recht. Denn an einem Spielabend ist plötzlich unwichtig, was sonst ständig wichtig erscheint: Leistung. Es reicht, einfach da zu sein.

Ein Tisch. Ein Spiel. Etwas zu essen. Menschen von 5 Jahren bis 80+, die lachen und vielleicht ein Würfelwurf, der alles verändert.

Menschen, die sich vorher kaum kannten, sitzen plötzlich nebeneinander und überlegen gemeinsam, wer eigentlich gewonnen hat. Und manchmal ist die Antwort erstaunlich einfach: Alle.

Denn vielleicht ist ein Spielabend keine zusätzliche Belastung im Kalender. Vielleicht ist er genau die gewonnene Zeit, die dort schon viel zu lange fehlt.


Zurück