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Hausaufgabentreff während der Coronazeit

Hausaufgabentreff während der Coronazeit

Im Quartier Gyrischachen gibt es seit einigen Jahren jeden Mittwochnachmittag einen Hausaufgabentreff.

Dort finden Kinder und Jugendliche einen ruhigen Arbeitsplatz und Unterstützung für ihre schulischen Wochenaufträge. In Zeiten ohne Pandemie unterstützen 3 bis 4 junggebliebene Senioreninnen und Senioren die Kinder beim Lösen ihrer Hausaufgaben.

Doch was passiert, wenn vom einen zum anderen Tag die Schulen schliessen, alle Menschen ü65 zur Risikogruppe erklärt werden und „social distancing" verschrieben wird? Was machen Kinder und Jugendliche ohne feste Tagesstruktur aber mit jeder Menge Schulaufträgen? Wie können Schulaufträge erledigt werden, wenn es zu Hause an Deutschkenntnissen, Platz und genügend elektronischen Geräten fehlt?

Diese und weitere Fragen haben uns: Regula Etzensperger, David Kempter sowie Gabriela Heimgartner vor und in den Frühlingsferien stark beschäftigt.

Die erste Woche des Lockdowns erlebten einige Kinder hauptsächlich als ein mehr an Freizeit und wir hörten es sei doch „mega toll ohne Schule". Die Eltern wiederum suchten nach Ideen ihren Kindern die nötigen Strukturen bieten zu können und wir spürten, dass gerade der Umgang mit der vielen „Freiheit" bereits Unsicherheit werkte.

Nach zwei Wochen Lockdown schlich sich allmählich Unzufriedenheit und Unmut ein und die Unsicherheit verstärkte sich. Eltern, Kinder und Jugendliche kamen auf uns zu mit der Bitte nach Hilfe bei den „Hausaufgaben". Durch gezieltes Nachfragen wurde schnell deutlich, dass die Problemlagen vielseitig und teilweise prekär waren. Kinder welche zu dritt in einem Zimmer schlafen und zu acht in einer 3.5 Zimmerwohnung leben. Die keinen Platz und keine Ruhe haben um an ihren Aufgaben zu arbeiten. Eltern und Alleinerziehende in Systemrelevanten Berufen, welche arbeiten und ihre Kinder unbeaufsichtigt lassen müssen sowie Eltern welche ihre Betreuungsaufgaben generell aus verschieden Gründen nur bedingt wahrnehmen können.

Gemeinsam mit Gabriela Heimgartner, Lerncoach des Vereins Lerntreff Burgdorf, nahmen wir uns der sich zuspitzenden Problematik „Homeschooling" an. Gabriela fördert seit gut einem Jahr Kinder und Jugendliche in ihren Lernprozessen. Im gemeinsamen Austausch wurde deutlich, dass die betroffenen Familien und ihre Kinder konkrete und regelmässige Unterstützung benötigen um gewährleisten zu können dass sie den Anschluss an den Schulstoff nicht verpassen. Chancengleichheit in der Bildung ist ein wichtiges Soziales Ziel und gerade die sahen wir massiv bedroht. Durch Kontakte mit Lehrpersonen wussten wir, dass die Corona Krise die Schulen teilweise bereits an die Grenze des machbaren geführt hat nicht mehr erwartet werden konnte.

Deshalb nutzten wir die zwei Wochen Frühlingsferien um im Dreierteam einen Hausaufgabentreff nach den Richtlinien des BAG zu konzipieren der bis zu den Schulöffnungen als Überbrückung dienen konnte. Bei der herausfordernden Organisation erwies es sich als Glücksfall im Kirchgemeindehaus an der Lyssachstrasse über ein leeres Haus mit vielen grossen Räumlichkeiten und zwei Eingängen zu verfügen. Einen besonderen Dank möchten wir an dieser Stelle der Hausbetreuerin Patrizia Rüfenacht für ihren Einsatz und ihre Flexibilität aussprechen.

Ab dem Montag 20. April täglich von 9 Uhr bis 17 Uhr begleiteten wir 11 Knaben und 12 Mädchen, bei der Erledigung ihrer Schulaufträge. Dies verteilt über den Tag, in kleinen Gruppen und mit den nötigen Hygiene- und Abstandsmassnahmen. Diese Tagesstruktur hielten wir für drei Wochen von Montag bis Freitag aufrecht. Die meisten Kinder kamen zwischen ein und zwei Stunden täglich. Brachten ihre Aufgaben mit und waren dankbar für den Kontakt, das Interesse an ihnen und natürlich für die Unterstützung. Ein Junge (8 Jahre) formuliert seine Wertschätzung für das Angebot folgendermassen: „Ich möchte immer hierher in die Schule kommen! Es ist super schön hier und ich kann hier viel besser lernen. Es ist so ruhig und ich bekomme Hilfe wenn ich sie brauche!"

Durch den „Corona Hausaufgabentreff" hatten wir auch engeren Kontakt mit verschieden Lehrpersonen. In Telefongesprächen wurden Fragen betreffend den Aufträgen geklärt, durch WhatsApp Kommunikation konnten bearbeitete Aufträge kontrolliert werden. Zudem wurden mehrere Laptops für Videokonferenzen tauglich gemacht. Die Arbeit erlaubte uns einen Einblick in die Strukturen der Schule Burgdorf und wir mussten etwas überrascht feststellen wie gross die Unterschiede zwischen den einzelnen Schulhäusern waren. Es wurde uns auch bewusst, welch unglaublich anspruchsvolle Aufgabe Lehrpersonen zu leisten hatten und immer noch haben.

Natürlich lernten wir pädagogische Fachpersonen in diesen drei intensiven Wochen auch die Kinder besser kennen und hatten Einblicke in ihre Lebenswelt. Gemeinsam deckten wir Ressourcen auf, förderten Stärken und lernten interessantes über Kartoffeln, Vulkane sowie Piraten. Gemeinsam wurde auch viel gelacht und diskutiert. Uns sind die Kinder trotzt 2 Meter Abstand nahe ans Herz gerückt.

Gerade dies macht uns nachdenklich. Der Einblick in die Leben der Kinder, legte teils erhebliche Defizite offen. Kinder die oft fast ohne Betreuung ihren Alltag verbringen, Kinder deren Erlebnishorizont so verengt ist, dass sie mit dem Schulstoff ihrer Schulstufe nur sehr schwer klar kommen und Kinder welche enorm unter Schulfrust und Selbstzweifeln leiden. Die Hürden, welche diese Kinder bereits in jungen Jahren zu meistern haben sind so unerbittlich HOCH, dass die so oft gelobte Chancengleichheit für viele mehr Hohn ist als Realität. Gerade deshalb werden wir in der Sozialdiakonie in Zusammenarbeit mit dem Verein Lerntreff Burgdorf uns weiterhin für die Thematik einsetzen.

David Kempter, Jugendarbeiter und Regula Etzensperger, Gemeinwesenarbeit

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